
Erinnerst Du Dich an die alten, klapprigen Busse, miit denen wir aufs Land fuhren oder auf Reisen gingen? Erinnerst Du Dich an die dunklen Zugabteile? Ich erinnere mich an den Mann, den Du „goldene Hand“ nanntest – er baute uns den Tisch zusammen, doch ein Nagel verrutschte ihm. Wir legten sonntags mehr Geld in die Kollekte und hofften, dass das Geld hundertach zurückkäme.
So geschah es. Nicht nur bei uns, sondern das ganze Land erlebte eine wundersame Brotvermehrung. Die Autobahnen wurden fertig, die Wolkenkratzer stiegen immer höher in den Himmel. Alles wurde ins Lot gebracht.
Nur wir nicht.
Gestern hat mich Deine Mutter umarmt. Das alte Polen. Und mein Anwalt, der 1946 zur Welt kam, erzählte mir vom Tod seines Vaters, der – von einem Pferd getreten – in seinen Armen starb. Kaum zwanzig Jahre alt war er damals und mit einem Mal erwachsen.
Ich weiß nicht, ob die heutigen Zwanzigjährigen erwachsen sind. Sie besitzen schnelle Autos, sie laufen durch Shopping-Malls, und sie sehen die Welt auf ihren Smartphones, wenn sie nicht selbst mal eben nach Dubai fliegen. Aufgewachsen in Villen und Luxuswohnungen.
Das hat nichts mit dem Polen zu tun, das ich gesucht habe und gerade noch fand. Mit Dir.
Wir fuhren über Autobahnen, die noch nicht existierten, aßen Prince Polo und hielten Ausschau nach dem nächsten Społem-Supermarkt.
Eine verlorene Welt.
Heute wird sogar in der Kirche mit Karte gezahlt. Keine Brotvermehrung mehr, keine schmutzigen Geldscheine.
Was würde Czesław Miłosz dazu sagen? Sprache ist die einzige Heimat?
Ich denke an die Abende, als wir bei Deinen Eltern saßen, Tee tranken, Sernik aßen – und Agata malte in ihrem Zimmer.
Vorbei. Für immer.
Manchmal sitze ich in einer Orlen-Tankstelle, esse Żurek, schaue auf die leuchtenden Tafeln.
Es wird Zeit, dass ich mich vorbereite, aus dieser Welt zu verschwinden. Ich weiß nicht, ob ich sie vermissen werde.
Wer hat das gesagt? Ein französischer Schauspieler?
Text: mee