Innere Wende

Foto: mee

Anfang der 2000er Jahre traf ich im Supermarkt am Bahnhof Friedrichstraße Günter Schabowski. Er stand vor mir an der Kasse und wartete. „Wie geht’s Ihnen?“, fragte ich den Mann, der am 9. November 1989 mit wenigen, unsicheren Worten die DDR zum Überlaufen gebracht hatte. „Danke, gut“, antwortete er. Ob wir uns zu einem Interview treffen könnten, wollte ich wissen. Er musterte mich kurz, dann sagte er: „Wenn Sie wollen. Meine Nummer steht im Telefonbuch.“ 

Ein paar Tage später rief ich ihn an. „Der Mann aus dem Supermarkt“, sagte ich. Er erinnerte sich. Wir verabredeten uns in dem türkischen Restaurant „Efendi“ nahe der Wilhelmstraße. Ich war pünktlich, wie immer. Wartete fünf Minuten, zehn Minuten. Er kam nicht. Als er nach 15 Minuten nicht erschien, rief ich Schabowski an. Am Telefon tat er überrascht, als habe er den Termin vergessen – ein alter Trick. Schließlich erschien er doch. Er bestellte etwas zu essen und einen Kaffee, ich nur einen Kaffee. Beim Interview mag ich es nicht, zu kauen; ich will ganz beim Gegenüber sein.

Wir sprachen über die Wende, die Zeit danach. Günter Schabowski erzählte von seiner Arbeit bei einem Anzeigenblatt in Hessen. Dann spottete er über die Ewiggestrigen, die linken Ideologen. „Ich habe sie alle in meiner Nachbarschaft.“ Sein Anblick löse Wut bei ihnen aus. Irgendwann kamen wir auf das Thema Religion zu sprechen. Er nannte einen Namen: „Erzbischof Dyba“. Dabei leuchteten seine Augen vor Begeisterung. Ich staunte. Konservativ aus Einsicht in linke Irrtümer? 

Als wir uns verabschiedeten, gab er mir die Hand und grinste: „Schreiben Sie bitte nicht, der Schabowski lässt sich jetzt mit Efendi anreden.“ 

Um Mitternacht war das Porträt fertig. Ich mailte es ihm. Am Morgen kam seine Antwort: toll geschrieben und so schnell. Freigabe. Kurz darauf erschien der Text. Ein paar Tage später klingelte das Telefon. „Hier Günter Schabowski.“ Er klang sehr erfreut. Jemand aus der CDU-Spitze habe den Text gelesen und sich bei ihm gemeldet. „Dann war es wohl wirklich gut, dass wir uns getroffen haben“, sagte er mit Begeisterung in der Stimme. „Natürlich“, antwortete ich lakonisch. Es kam mir etwas unwirklich vor, so zwanglos mit dem Menschen zu plaudern, der durch seine Wrote die Berliner Mauer geöffnet und die Einheit Europas bewirkt hatte. Das Ende des Kalten Krieges.

Eine Zeitlang überlegte ich, ob ich mir seine Lob-E-Mail ausdrucken sollte, um sie aufzuheben. Ich tat es nicht. Ein Journalist schreibt nicht, um gelobt zu werden. Trotzdem freue ich mich immer noch, wenn ich an seine Worte und unsere Begegnung denke. Er war ein Mann mit Mut zur inneren Wende, wie so viele andere nicht.

Text: mee (C)

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