Gewaltige Umbrüche

Foto: mee

„Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.“ Tancredi sagt diesen berühmten Satz in Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Der Leopard. Er könnte als Motto über dem ganzen Werk stehen, das ich in den vergangenen Wochen gelesen habe.

Seit vielen Jahren schon war mir der Roman von verschiedenen Menschen empfohlen worden. Der Niedergang einer aristokratischen Familie, die den Leoparden im Wappen führt, wurde durch die Verfilmung von Luchino Visconti in den 1960er Jahren auch zu einem filmischen Ereignis. Der politische und gesellschaftliche Wandel, den Garibaldis Einigungskriege in der Handlung auslösen, passte hervorragend in das Jahrzehnt, in dem der Film entstand. Und ich glaube, er passt ebenso gut in unsere Gegenwart.

Auch wir erleben gewaltige Umbrüche: technologisch, geopolitisch, kulturell und religiös. Mitunter wirkt es, als würde das alte Europa ein weiteres Stück sterben. Aber ist das wirklich so?

Ich möchte mich jedenfalls nicht jenem pessimistischen Fatalismus hingeben, den manche mit beinahe lustvoller Untergangsstimmung pflegen. Europas Geschichte ist, so glaube ich, noch nicht zu Ende erzählt. Gewiss: Vieles wirkt hohl und erschöpft. Revolutionäre Kräfte treten offen oder verdeckt gegen die liberalen Demokratien an. Manche greifen sie frontal an, andere legen ihnen eine Schlinge an, die das System zur Selbsterdrosselung bringen soll.

Wie soll Europa darauf antworten? Ich weiß es nicht. Doch Aufklärung und Freiheit gehören zu seinen großen Errungenschaften. Ebenso Erfindergeist, Menschenrechte und Religionsfreiheit. Vielleicht braucht Europa heute beides zugleich: die Zuversicht seiner besten Traditionen und die Melancholie Don Fabrizios, der den Wandel kommen sieht, ohne den Glauben an Würde und Form ganz zu verlieren.

Text: mee

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