
Anfang der 2000er Jahre traf ich im Supermarkt am Bahnhof Friedrichstraße Günter Schabowski. Er stand vor mir an der Kasse und wartete. „Wie geht’s Ihnen?“, fragte ich den Mann, der am 9. November 1989 mit wenigen, unsicheren Worten die DDR zum Überlaufen gebracht hatte. „Danke, gut“, antwortete er. Ob wir uns zu einem Interview treffen könnten, wollte ich wissen. Er musterte mich kurz und sagte dann: „Gern, meine Nummer steht im Telefonbuch.“ Und tatsächlich – sie stand dort.
Ein paar Tage später rief ich ihn an. „Der Mann aus dem Supermarkt“, sagte ich. Er erinnerte sich sofort. Wir verabredeten uns in einem türkischen Restaurant nahe der Wilhelmstraße. Er kam nicht. Am Telefon tat er überrascht und so, als habe er den Termin vergessen – ein alter Trick. Schließlich erschien er doch. Er bestellte ein Essen und einen Kaffee, ich nur einen Kaffee. Beim Interview mag ich es nicht, zu kauen; ich will ganz beim Gegenüber sein.
Wir sprachen über die Wende, die Zeit danach. Schabowski erzählte von seiner Arbeit bei einem Anzeigenblatt in Hessen – kleine Brötchen. Dann spottete er über die Ewiggestrigen, die linken Ideologen. „Ich habe sie alle in meiner Nachbarschaft“, raunte er mit einem Anflug von Laune. Irgendwann kamen wir auf Religion. Als er „Bischof Dyba“ sagte, leuchteten seine Augen. Ich staunte: So tickte er also jetzt – konservativ, aus Einsicht in linke Irrtümer. Warum nicht.
Als wir uns verabschiedeten, gab er mir die Hand und sagte: „Schreiben Sie bitte nicht, Schabowski lässt sich jetzt mit Efendi anreden.“ Ich grinste, er grinste zurück.
Um Mitternacht war das Porträt fertig, und ich mailte es ihm. Am Morgen kam seine Antwort: ein dickes Lob – schnell, treffend, gut geschrieben. Freigabe. Kurz darauf erschien der Text. Bald klingelte das Telefon. „Hier Günter Schabowski.“ Er klang erfreut. Jemand aus der CDU-Spitze habe den Text gelesen und sich bei ihm gemeldet. „Dann war es doch gut, dass wir uns getroffen haben“, sagte er. „Natürlich“, antwortete ich – und meinte es so. Es kam mir etwas unwirklich vor, so zwanglos mit einem Menschen zu plaudern, der längst in den Geschichtsbüchern stand – und darin bleiben würde.
Eine Zeitlang überlegte ich, ob ich mir seine Lob-E-Mail ausdrucken und aufheben sollte. Ich tat es nicht. Das wäre eitel gewesen, sagte ich mir. Wer für Lob schreibt, macht sich bestechlich. Das stimmt. Und doch denke ich jeden Herbst an ihn, an Günter Schabowski. Vielleicht war er kein großer Journalist, trotz seines Einflusses in der DDR – aber er besaß die Größe zur inneren Wende.
Text: mee (C)