Rostock-Warschau

Foto: mee

Seit Anfang des Jahres lebe ich in Rostock. Die Wohnung, die wir mieten, befindet sich in Warnemünde. Sie ist ungefähr 500 Meter vom Strand entfernt.

Viele Zufälle haben uns hierhin geführt. Vieles gefällt mir. Wenn es mir auch nicht leicht fällt, plötzlich so weit von Warschau entfernt zu sein. Wenigstens einmal im Monat statten wir der polnischen Hauptstadt einen Besuch ab. Vielen Stunden Anreise auf der Autobahn sind dafür nötig.

Was die Menschen hier beschäftigt, ist die Präsenz von Militärschiffen im Hafen: „Amerikanische Kriegsschiffe“, wie es heißt. Die NATO-Präsenz wird also nicht unbedingt als Sicherheitsfaktor wahrgenommen, mehr als Provokation gegenüber Russland. Ich teile diese Sichtweise nicht.

Ich fotografiere oft die Ostsee. Ihre Veränderungen. Bei jedem Wetter sieht sie anders aus. Auch der Strand verändert sein Gesicht. Mal blickt er wüst, geradezu verzweifelt durch das wilde Spiel der Stürme, dann ruhig und ausgeglichen. Ein seltsamer Wechsel.

Jetzt lerne ich also, wie Lokaljournalismus geht. Vielleicht ist es in diesen chaotischen Zeiten nur noch möglich, die Fäden einer Hansestadt zu entknoten, während das Knäuel der Weltpolitik so hoffnungslos verwirrt ist, dass kein Mensch mehr den Faden einer Erklärung finden kann.

Ich bin heute ein besserer Journalist als vor drei Jahren. Es lohnt sich immer, die Komfortzone zu verlassen. Wenn nur mein Unbehagen gegenüber Deutschland nicht wäre.

Viele Menschen begegnen mir in Rostock, deren Identtität eng mit dem Meer und der Schifffahrt verknüpft ist. Meine Rolle wird die eines höflichen Gastes sein. Kenne ich das nicht?

Polens Premier Donald Tusk rechnet mit einem russischen Angriff im Jahr 2027. Was können wir bis dahin tun? Der Krieg im Nahen Osten verstärkt die angespannte globale Lage. Die Menschen spüren, dass etwas in der Luft liegt. Etwas, das über erhöhte Benzinpreise hinausreicht.

Ich werde älter, das wird mir auch klar. Langsamer. Umso wichtiger ist es, sich neuen Eindrücken auszusetzen. Semper studere.

Warnemünde hat in der Familie eine Rolle gespielt: Hier fand meine Großmutter mit ihren drei Kindern einen sicheren Hafen – auf der Flucht vor der Roten Armee. Dann ging es weiter.

Ist es nicht seltsam, dass wir im Falle einer russischen Invasion in eine ähnliche Rolle geraten könnten wie damals meine Famlie? Wiederholt sich die Geschichte immer wieder aufs Neue?

Text: mee

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