
Seit Anfang des Jahres lebe und arbeite ich in Rostock. Die Wohnung befindet sich in Warnemünde, ungefähr 500 Meter vom Strand entfernt.
Eine Kette von Zufällen hat uns hierhin geführt. Es gefällt mir gut. Wenn es auch nicht einfach ist, so weit von Warschau entfernt zu sein. Einmal im Monat bin ich wenigstens für ein paar Tage dort.
Rostock ist aufgrund der NATO-Präsenz nicht unbedingt sicherer. Im Falle eines Angriffes wären wir Putins Armee ziemlich schutzlos ausgeliefert. So wie zu Zeiten des Kalten Krieges spielt Rostock für die Kriegsführung eine wichtige Rolle. Doch wo in Europa ist man jetzt schon sicher?
Ich gehe regelmäßig an den Strand und fotografiere die Ostsee. Meine Eltern wollten hier leben, doch ihr Traum sollte sich nicht erfüllen. Mein Vater ist hier verunglückt. Als er vom Segelboot aus auf den Steg sprang, stieß er mit dem Kopf auf. Deshalb haftet für mich jenseits von Fischbrötchen und Möwen-T-Shirts etwas Trauriges an dem Ort.
Doch bei der Arbeit spielt das keine Rolle. Ich lerne mit fast 60 Jahren, wie Lokaljournalismus geht. Schreiben, fotografieren, filmen. Vielleicht ist es leichter in diesen undurchschaubaren Zeiten, die mikroskopischen Fäden einer Hansestadt zu entknoten. Die Weltpolitik ist zu einem Knäuel der Verwirrung geraten. Wenn es jemals anders war.
Normalerweise hätte ich mit dem Lokaljournalismus als junger Mann starten sollen, doch in meinem Berufsleben ist sowieso alles anders gelaufen, als es Karriereplaner austüfteln könnten. Das kommt davon, dass ich stets an Literatur gedacht habe.
Mit Sicherheit bin ich heute ein besserer Journalist als vor drei Jahren. Die vielen Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren sammeln durfte, haben mich stärker und freier gemacht.
Das ändert aber nichts daran, dass ich gegenüber meinem Herkunftland immer noch diese eigenartige Distanz spüre. Wie schon als Kind. Ich sehe die schönen Landschaften, aber zuhause fühle ich mich in Polen.
Mir begegnen viele Menschen in Rostock, die verbunden sind mit Hafen und See, Leuchtturm und Hansegeschichte. Rostock gehört zu ihrer Identität. Das kann bei mir nicht mehr einsetzen. Dafür ist der Teppich meines Lebens bereits zu sehr an anderen Plätzen ausgerollt worden. Ich werde stets nur ein Gast sein, ein Beobachter – aber war ich das nicht überall bisher? Auch in der Wahlheimat Polen?
Beim Blick auf das Meer denke ich oft an eine Bemerkung von Donald Tusk: Mit einem russischen Angriff sei im Jahr 2027 zu rechnen. Vor ungefähr zwei Jahren hat er dies prognostiziert. Vielleicht geschieht der Überfall aber schon früher. Viele Menschen spüren, dass so etwas in der Luft liegt. Liegen könnte. Verstärkt durch den Krieg im Nahen Osten, der zumindest die Benzinpreise in Deutschland in die Höhe treibt. In Polen steuern Regierung und Präsident in seltener Einigkeit dagegen.
Werde ich alt? Ich nehme wahr, dass ich langsamer werde bei bestimmten Dingen. Es kann aber auch daran liegen, dass ich so viele organisatorische Dinge im Kopf haben muss. Doppelt oder sogar dreifach.
Gut nur, dass mich immer weniger Dinge aufregen – auch in der Politik. Das meiste davon kann ich sowieso nicht beeinflussen. Ich kann nur die Mechanismen immer deutlicher erkennen. Die Mechanismen des Schicksals aber nicht.
Warnemünde ist nämlich auch der rettende Zufluchtsort, den meine Mutter als Kind erreichte – auf der Flucht vor der Roten Armee. Ein Walfischfänger brachte sie, ihre Mutter und zwei Brüder kurz vor knapp von Ostpreußen hierher. Nachdem auf der Wilhelm-Gustloff kein Platz mehr war.
Wenn ich manchmal die ferne Spur dieser Rettung im Meeresrauschen zu hören glaube, stelle ich mir vor, wie eines Tages auf den weißen Schiffen der AIDA Cruises keine Urlauber stehen, sondern Menschen auf der Flucht. Womöglich eine unnütze Vision.
Text: mee