Die Alchemie des Schreibens

Foto: mee

Von „Requiem für einen Freund“ bis „Das Mädchen in Blau“: warum meine Romane metaphysische Thriller sind – Ein Laborbericht von Stefan Meetschen. (Erstveröffentlichung am 1. Mai 2026 in CulturMag)

Mein Schreiben beginnt mit einer Idee: Mit ersten Figuren, einer ersten Handlungsskizze und wenigstens einem Bild, das mich fesselt, weil ich es noch nicht ganz verstehe, aber verstehen möchte. Dies alles fließt in ein erstes Treatment, das noch genug Raum für Überraschungen lässt. Das ist wichtig. Ohne Überraschungen würde ich mich nicht hinsetzen – Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, um mich schreibend durch den Stoff zu bewegen. Ich liebe es, zu spüren, dass der Stoff ein Eigenleben entfaltet, und ich nicht mehr alles unter Kontrolle habe. Figuren und Wendungen auftreten, die stimmig sind, mir zu Beginn des Schreibprozesses aber nicht als relevant erschienen.

Als ich meine ersten Romane schrieb – „Requiem für einen Freund“ (2004) und „Guten Tag“ (2009) –, ging es genauso: Figuren traten auf, begannen zu handeln, widersprachen sich, entwickelten ein Eigenleben. Ich ließ mich treiben, ohne das Bedürfnis, alles zu kontrollieren. Und doch gab es Momente, in denen ich zurücktrat und das Ganze betrachtete wie ein Architekt seinen Entwurf: Ist dieser Schritt notwendig? Trägt dieser Dialog? Bleibt die Spannung erhalten?

Diese Spannung ist es, die mich bis heute interessiert – weniger im äußeren, actionreichen Sinne, sondern als eine Form existenzieller Verdichtung. Meine Bücher sind keine Thriller im klassischen Verständnis, doch sie kreisen um das Geheimnisvolle, das Unverfügbare, das in unser Leben einbricht. Vielleicht sind es metaphysische Thriller: Geschichten, in denen das Sichtbare stets von einem Unsichtbaren durchdrungen ist.

Bereits in meinen früheren Romanen spielt jene Kraft eine Rolle, die man Zufall, Schicksal oder Gott nennen kann – in Anlehnung an Krzysztof Kieślowski. Menschen begegnen einander nicht zufällig, Entscheidungen haben Folgen, und der Tod ist nie weit entfernt. Diese Motive ziehen sich auch durch meinen jüngsten Roman „Gespenster wie wir“ (2024), der in Polen, Deutschland und in der Ukraine spielt – und sie prägen in besonderer Weise mein neues Buch „Das Mädchen in Blau“, das im Mai 2026 erscheint.

Im Zentrum dieses Romans, einer Coming-of-Age-Geschichte, steht ein junger Mann, der sich Ende der 80er Jahre auf eine Reise begibt. Äußerlich durch Europa, innerlich durch die Landschaften seiner eigenen Existenz. Es ist eine Suche nach Freiheit, nach Liebe, nach einem metaphysischen Halt in einer Welt, die sich für ihn zunehmend als fragil erweist. Wie viel Realität steckt in dieser Geschichte? Wie viel ist erfunden? Die Frage führt ins Zentrum meines Schreibens.

Denn: Schreiben ist für mich ein alchemistischer Prozess. Ich nehme Elemente aus der Wirklichkeit (Erinnerungen, Begegnungen, Orte) und verbinde sie mit Fiktion. Doch was dabei entsteht, lässt sich – wie bereits erwähnt – nicht vollständig steuern. Bedeutungen treten hervor, die vorher nicht absehbar waren. Es ist, als würde sich im Text selbst eine Transformation vollziehen. Nicht nur der Figuren, sondern auch des Autors.

Diese Verwandlung geschieht, wenn ich den Prozess richtig deute, entlang einfacher, aber grundlegender Fragen: Wie kann ich leben? Was bedeutet es, zu lieben? Wie gehe ich mit dem Tod um? Es sind Fragen, die keine endgültigen Antworten zulassen, die aber den Kern des Lebens und der ernsthaften Literatur bilden. Ich bewege mich dabei oft am Rand des Nihilismus, der Verzweiflung, ohne ihr verfallen zu wollen. Ich möchte den Leser am Ende nicht ohne ein kleines Körnchen Hoffnung zurücklassen. Das ist das Gold, das beim Schreiben entstanden ist. Durch das Feuer hindurch.

Eine Literatur, die diesen metaphysischen Zusatzfaktor nicht bietet, langweilt mich schnell. Was nicht heißt, dass relevante, erhellende Romane nur von hoffnungsvollen oder religiösen Menschen geschrieben werden können. Am überzeugendsten erscheinen mir die Schriftsteller, welche von Theologie und Religion etwas verstehen, aber einen eher agnostischen Zugang zu metaphysischen Fragen haben, was zum Beispiel für Graham Greene, Robert Harris und Andreas Pflüger zutrifft. Um drei Meister des klassischen (Polit-)Thrillers zu nennen, die ich zu meinen Helden zähle. Die „Schwebe des Lebendigen“ (Max Frisch) gelingt ihnen leichter als Autoren ohne Zweifel – oder Autoren ohne Zweifel an ihren Zweifeln. Bei Pflüger entdeckte ich in seinem Büchlein „Herzschlagkino“ (Auszüge bei uns hier) sogar dasselbe Bekenntnis, den Leser am Ende nicht allein in einer verlorenen Welt zurücklassen zu wollen, sondern wenigstens etwas Hoffnung zu spenden. Das hat auch etwas mit Menschenfreundlichkeit zu tun, mit Herzensbildung.

Stefan Meetschen © by XAMAX

Hilfreich für Schriftsteller ist aus meiner Sicht der Beruf des Journalisten, den ich seit vielen Jahren ausübe. Er vermittelt nicht nur eine gewisse Form von Weltwissen, connaissance du monde, wenn man neben dem Feuilleton auch die anderen Seiten der Zeitung liest, sondern schult bei der Redakteurstätigkeit das analytische Denken und klare Strukturen, klare Begriffe. Graham Greene war Journalist, bevor er Romancier wurde. Viele andere gute Schriftsteller kommen vom Journalismus: Albert Camus, Monika Maron, Cees Nooteboom, Robert Harris.

Mein eigener Weg zum Schreiben ist eng mit dem Journalismus verbunden. Obwohl ich nie Journalist werden wollte und Journalismus auch niemals mit Literatur gleichsetzen würde. Die Unterschiede sind fundamental. Während der journalistische Text auf eine Nachricht oder Pointe setzt, die bestenfalls schon in der Headline sichtbar wird, entfaltet der Roman seine Wahrheit oft erst am Ende, wenn sich die scheinbar losen Fäden zu einem stimmigen Bild fügen, das jedoch so offenbleibt, dass viele Deutungsarten möglich bleiben.

„Das Mädchen in Blau“ ist in diesem Sinne ein weiterer Versuch, metaphysische Fäden, die mich interessieren, sichtbar zu machen, ohne sie vollständig zu entwirren. Es ist ein Roman über das Unterwegssein, über Begegnungen, über das Geheimnis der Anziehung zwischen Menschen – und über Kräfte, die unser Leben lenken. In aller geheimnisvollen Freiheit.

Vielleicht ist mein Schreiben am Ende nichts anderes als der Versuch, diese Kräfte zu berühren: Das Unsichtbare. Der Versuch, ihnen eine Form zu geben und dabei die Zeit, das Vergängliche, wenigstens etwas festhalten zu können. Gegen alle Widerstände. Einen spannenderen Thriller-Stoff kann ich mir kaum vorstellen.

Premierenlesung:

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