Im Turm des Kopernikus

Foto: mee

Es donnert, als wir den Turm betreten. Ein Sommergewitter jagt über das Haff.

Doch er lässt sich davon nicht stören. 

Im Halbdunkel sitzt er vor uns und arbeitet weiter an dem Werk, das die Welt aus den Angeln heben wird: De revolutionibus orbium coelestium. Nikolaus Kopernikus, der Alleskönner aus Toruń (Thorn).

Ein Renaissancegenie, das alles sprengte.

Draußen im Hof, wo sich im Pflaster das Muster eines Labyrinths abzeichnet, ziehen deutsche und polnische Touristen friedlich aneinander vorbei.

Jeder auf der Suche nach seinem Kopernikus.

Vielleicht ist es nur eine Frage der Umlaufbahnen, ob Menschen einander friedlich begegnen oder in Kriegen kollidieren?

Ein Gedanke, der sich hier, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, aufdrängt.

DiePolen fürchten, dass die Russen bald über weitere Grenzen rollen. Was mich wundert, ist die Sicherheit, in der sich die Deutschen wiegen. Als gäbe es an der Oder eine unsichtbare Abwehrmauer.

Am russisch-polnischen Grenzrand blicken wir auf ein ordentliches polnisches Militärlager, Panzer und Fahrzeuge in Reih und Glied. 

Später erreichen wir Elbląg (Elbing). Eine Stadt, die wirkt, als sei sie in den 1990er Jahren eingefroren: leere Straßen, geschlossene Läden, dafür ein Sex-Shop neben einem Devotionalienladen – eine groteske Nachbarschaft, die die Tristesse noch steigert. Das polnische Wirtschaftswunder – hier ist es noch nicht so richtig angekommen.

Regen fällt, dann wieder Sonnenschein, alles wechselt in rasender Geschwindigkeit. Ich denke, wie oft in jüngster Zeit, an die Jahre, die mir noch bleiben. Die Umlaufbahnen sind unsicher.

Text: mee

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