Das Netzwerk der Seelen

Foto: mee

Ich erinnere mich an eine Busfahrt in die Warschauer Altstadt. Ich glaubte, dass ganz in Nähe meines Sitzes die Schauspielerin Maja Komorowska saß. Eine Legende des polnischen Kinos. Mir vor allem aus Krzysztof Kieślowskis „Dekalog I“ bekannt. Als ich ausstieg, erkannte ich: Nein, das ist sie nicht.

Als ich das, was ich in der Altstadt zu tun hatte, getan hatte, näherte ich mich wieder der Haltstelle, um zurückzufahren. Da sah ich meinen Bus und rannte los, um ihn noch zu erwischen. Wie Antek im Film „Przypadek“ (Zufall). Ich hatte Glück. Ich erreichte den Bus – gerade noch so. Ich war glücklich. Blieb erstmal nah zur Eingangstür stehen und schnaufte etwas. Da bemerkte ich, dass mich eine ältere Dame anlächelte: Maja Komorowska. Diesmal war sie es wirklich.

Ein paar Jahre später – im Januar 2022 – fuhr ich mit meiner zukünftigen Ehefrau durch Praga. Richtung Dworzec Wileński. Es war dichter Verkehr auf der Targowa-Straße. Wir sprachen über die divenhafteste polnische Schauspielerin. Krystyna Janda und Grażyna Szapołowska? Ich kenne jemand, der mit Szapołowska im selben Haus gewohnt hat und sie bis heute schrecklich findet. „Dumm und arrogant.“ Also? Szapołowska vor Janda? Auf Höhe der Kijowska-Straße stand ich wieder und sah einen blinkenden SUV. Der Fahrer wollte also auf die Targowa. Ich ließ ihn einfahren. Der SUV-Fahrer war darüber sehr dankbar. Er blickte zu mir herüber und bedankte sich. Erst jetzt erkannte ich, dass eine Frau am Steuer saß: Grażyna Szapołowska.

Einmal bei schlechtem Wetter in Warschau teilte mir ein deutscher Priester telefonisch mit, dass ein polnischer Musker in seiner Pfarrei, Piotr, sehr krank sei. Der Priester hatte ihn gefragt, was ihm Freude gebe. Die Antwort: „Die Filme von Krzysztof Kieślowski.“ Ich sagte zu dem Priester, dass ich zu  Kieślowskis Grab fahren würde. Für Piotr. Das könne er ihm sagen.

An einem Samstag war das Wetter besser. Es schien die Sonne. Ich fuhr zum Powązki-Friedhof, auf dem sich Kieślowskis Grab befindet. Während ich an dem Grab stand und an Piotr dachte, sah ich zwei ältere Damen näher kommen. Eine der beiden erkannte ich, weil ich sie schon mal in ihrer Wohnung interviewt hatte: Maria Kieślowska, die Witwe des Meisterregisseurs.

Ich erzählte ihr von Piotr, und sie bestellte ihm Grüße. „Ich hoffe, alles wird gut.“ 

Leider hat Piotr den Gruß nicht mehr gehört. Er starb am Tag der Begegnung.

Doch wer weiß: im Netzwerk der Seelen gibt es viele Wege der Kommunikation. Daran muss ich immer denken, wenn ich die    Hochhaus-Siedlung aus den „Dekalog“-Folgen sehe. Es gibt sie wirklich. Nicht weit vom Friedhof erwähnt.

Meine Wohnung in Warschau befindet sich übrigens in Nähe des Krankenhauses, in dem Kieślowski gestorben ist. Es war mir beim Kauf der Wohnung nicht bewusst. Aber es stand wohl in einem unsichtbaren Drehbuch.

2022/2025

Text: mee

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