Autor: Stefan Meetschen

  • Deutschland-Ticket (V)

    Deutschland-Ticket (V)

    Abendlicher Spaziergang zum Prenzlauer Berg. Vorbei an der kleinen Synagoge an der Brunnenstrasse, auf die im Oktober ein Anschlag verübt wurde. Polizei, Absperrung. Vor uns in der Dunkelheit geht ein orthodoxer Jude mit Hut, der vermutlich gerade die Schabbath-Feier verlassen hat. Kommt mit dem Älterwerden die Gelassenheit? Oder lässt einfach die Kraft nach, um sich…

  • Deutschland-Ticket (IV)

    Deutschland-Ticket (IV)

    Die Ereignisse ziehen an mir vorbei wie ein Karussell: Ausstellungen auf der Museumsinsel oder im Stabi Kulturwerk, Gespräche mit Künstlern, Veranstaltungen wie ein Abend mit Berlins Kultursenator Joe Chialo in religiösen Einrichtungen. Mit oder ohne Polizeischutz. Ich bin inzwischen auch in Leipzig gewesen, wenn auch nur kurz. Vor fast zehn Jahren war ich zuletzt hier.…

  • Deutschland-Ticket (III)

    Deutschland-Ticket (III)

    Es war Sonntag, der Zug hatte keine Verspätung – nur die Heizung im Abteil war ausgefallen. Gratis Tee oder heiße Schokolade? Ich entschied mich für letzteres. Am Hauptbahnhof Bonn lagen einige Obdachlose wie Leichen in der Unterführung zwischen den Gleisen. Eng aneinander geschmiegt. Die Leiber sporadisch bedeckt. Nur der Uringestank verriet, dass sie noch am…

  • Fragen und Maximen

    Fragen und Maximen

    Es ist gut, dass in der Bundeskunsthalle in Bonn Immanuel Kant gewürdigt wird. Anlass ist sein 300. Geburtstag im April. Lange Zeit ist der Philosoph aus Königsberg von religiösen Menschen mit Skepsis oder offener Ablehnung behandelt worden, dabei wird in der Ausstellung, die auf digitale Gimmicks verzichtet, sehr deutlich, dass Aufklärung und Metaphysik sich nicht…

  • Deutschland-Ticket (II)

    Deutschland-Ticket (II)

    Die Tage werden heller und wärmer. Hin und wieder bin ich begleitet von meinem jüngeren Selbst die Schönhauser Allee entlanggegangen oder die Oranienburger Straße zu den Hackeschen Höfen. Viele Gesichter habe ich gesehen, Häuserfassaden, die sich verändert haben, Läden, die hip und austauschbar wirken. Ich war in U-Bahn-Wagons unterwegs, die mir noch schmutziger schienen, als…

  • Q – Berichte aus der Quarantäne (Auszug)

    Gelesen von Ute Cohen. Ute Cohen lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Ihre Interviews erscheinen in renommierten Zeitungen und Zeitschriften. Die promovierte Linguistin war viele Jahre in Paris für Unternehmensberatungen und eine internationale Organisation tätig. Romane: Satans Spielfeld (2017), Poor Dogs (2020) und Falscher Garten (2022). Zusammen mit Ingrid Caven erschien im Kampa Verlag…

  • Wilhelm

    Wilhelm

    Mein Vater hat einen älteren Halbbruder namens Wilhelm, der uns oft besucht und meiner Mutter einmal eine schöne große, robuste Kerze mit antiken erotischen Szenen schenkt, die im Wohnzimmer einen Ehrenplatz bekommt. Das perfekte Phallus-Symbol. Ich mag ihn, weil man bei ihm Lebenserfahrung, rauen Charme und Cleverness spürt. Auch meine Mutter ist angetan von ihm.…

  • Römische Grabplatte

    Den Sommer 2006 verbrachte ich in Rom. Der Hype um den ein Jahr zuvor verstorbenen polnischen Papst war immer noch spürbar. Man musste lange warten, um zu seinem Grab in den Grotten des Vatikans zu gelangen. Inzwischen befinden sich seine sterblichen Überreste im Petersdom. Ein Freund von mir, ein bekannter polnischer Historiker und Kirchenexperte, ist…

  • Erinnerung an einen Nachmittag im Januar

    In meiner Erinnerung gibt es einzelne Momente, in denen ich eine große Klarheit spürte, ein Eins-Seins mit der Welt. Ich weiß nicht, warum es diese Momente gibt, in denen sich die Gegenwart fast unauslöschlich in das Bewusstsein einprägt. Manchmal waren diese Momente mit einem Satz oder einem Bild verknüpft, manchmal still, farblos und doch inspirierend.…

  • Plage de Pampelonne 1988

    Man sollte sich als Mann sehr genau überlegen, welche Frau man anspricht. Eine solche Begegnung kann, wenn es sich um eine Muse handelt, das Leben verändern.