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Tagebücher und Notizen
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Lemberg, Bahnhof
Sommer 2012: Der Bahnhof von Lemberg. Er wirkte wie ein vergessenes Möbelstück der Habsburger. Gewölbte Hallen, glänzende Treppen. Es lag eine mediterrane Hitze über der Stadt. Abends hörten wir Schüsse. „Eine wilde Gegend“, dachte ich, als der Polizist mich wegen Trunkenheit stoppen wollte. Ich war nüchtern und fuhr einfach weiter. Wie mag es heute in…
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Im Turm des Kopernikus
Es donnert, als wir den Turm betreten. Ein Sommergewitter jagt über das Haff. Doch er lässt sich davon nicht stören. Im Halbdunkel sitzt er vor uns und arbeitet weiter an dem Werk, das die Welt aus den Angeln heben wird: De revolutionibus orbium coelestium. Nikolaus Kopernikus, der Alleskönner aus Toruń (Thorn). Ein Renaissancegenie, das alles…
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Antwort in Amsterdam
Das jüdische Viertel: war es wirklich so leer, wie ich es in Erinnerung habe? Bestimmt war es nicht mein Amsterdam von früher – fröhlich und verrucht. Eher ein Schmelztiegel der Kolonien. Max Havelaar schien zwischen den Häusern zu stehen als unsichtbarer Zeuge. Fahrräder, Kroketten, Ausstellungen. Ein Unbekannter namens Pieter gravierte unsere Namen in Rot und…
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Englisches Journal
Zwei Monate war ich 2019 in England. Ich fuhr auf der falschen Seite, gewöhnte mich allmählich an Kreisverkehre. Untergebracht war ich im Newman College bei Oxford in Littlemore. Hier am Rand der Universitätsstadt entschied sich der anglikanische Geistliche John Henry Newman für einen Weg, der sein Leben veränderte. Arvo Pärt hat ihm dafür den Littlemore…
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Prager Metro
Die Rolltreppe stürzte in die Tiefe. Damals, im Sommer 2012, und wir mit ihr. Wir wollten nicht länger mit den Touristen auf das Schauspiel der astronomischen Uhr warten. Also fuhren wir durch unterirdische Gänge – von der Altstadt zu den Gräbern. Du hattest die günstige Unterkunft gefunden. Nah am Schloss, nah am Jesuskind, nah an…
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Stummer Spalt
Ich erinnere mich an den Rost an den Leitplanken. Du auch? Es war auf dem Brenner. Am Anfang unserer Reise. Bald darauf machten wir einen Zwischenstopp, um Espresso zu trinken. Auch in Padua machten wir Stopp. Tranken Wein, besuchten das Grab des Heiligen. Ich spürte nichts – nur einen Spalt. Wer war ich? Eine erloschene…
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Ein ungestimmter Chor
Ich erwache. Der längste Tag des Jahres. Ich schalte die BBC ein. Kalifornien ist im Ausnahmezustand. Ich auch? Ich mache mir Kaffee. Arabica. Ich schalte die Nachrichten aus. Ich genieße die Stille. Von der Kreuzung her höre ich Spatzen. Ich möchte nicht an Steuerformulare oder EU-Paragraphen denken. Lieber an eine Melodie von Chopin. Alles zusammen…
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Warschauer Freiheit
Es ist gut, wieder hier zu sein. Ich bin dankbar für viele Begegnungen in Berlin im vergangenen Jahr. Doch ich habe mich dort nicht mehr wohlgefühlt. Was mich heute an Polen fesselt, ist nicht mehr die postkommunistische Melancholie, die mich vor 25 Jahren angezogen hat. Heute ist es die Modernität, die Ordnung. Züge, U-Bahnstationen, Straßen…
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Auf den letzten Metern
Am Ende hat alles funktioniert: in dem Moment, als ich den Zählerstand durchgeben wollte, kam S. in die Wohnung. Als wir die wichtigsten Infos ausgetauscht hatten, rief MM an und lud A. und mich in ihre Wohnung in Nähe des Bayerischen Platzes ein. Ein Jahr lang habe ich gehofft, sie zu treffen, bevor es eines…
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Schock, Tränen und Freiheit
Gibt es einen Ort in Europa, an den man sich zurückziehen kann, um nicht zu sehr von der Realität belästigt zu werden? Ein Refugium, wo man in Ruhe schreiben, leben und lesen kann, ohne sich ständig zu fragen, ob die Welt eine offene Psychiatrie geworden ist? Vermutlich nicht. Doch wenn ich in diesen Zeiten der…